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Aktuelle Informationen und Bekantmachungen

NVDA Nachhaltig - Ein Projekt für unsere digitale Freiheit und Selbstbestimmung

Von Rainer Brell

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der der Zugang zu Informationen, zu Bildung und zum Arbeitsmarkt nicht von Ihrem Geldbeutel abhängt. Eine digitale Welt, in der das Werkzeug, das Ihnen den Bildschirm vorliest, nicht tausende von Euro kostet, sondern frei verfügbar ist – und noch dazu von einer Gemeinschaft getragen wird, die genau weiß, was Sie brauchen. Genau an dieser Vision arbeiten wir.

Ich freue mich, Ihnen heute das Projekt „NVDA Nachhaltig – Weiterentwicklung von NVDA für mehr digitale Teilhabe“ vorstellen zu dürfen. Ein Projekt, das nicht weniger zum Ziel hat, als die Hilfsmittellandschaft in Deutschland nachhaltig zu verändern, Vielfalt zu fördern und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ein mächtiges Werkzeug an die Hand zu geben.

Was ist NVDA eigentlich?

Vielleicht haben Sie den Namen schon gehört, vielleicht nutzen Sie es sogar schon als „Bildschirmleser“. NVDA steht für NonVisual Desktop Access und ist ein kostenfreier, quelloffener Screenreader für das Betriebssystem Microsoft Windows. Das Besondere daran: Er wurde von Blinden für Blinde entwickelt. Die treibende Kraft dahinter ist die australische Organisation NV Access, gegründet im Jahr 2006 von Mick Curran, der selbst blind ist.

NVDA ermöglicht es uns, Computer genauso effektiv zu nutzen wie sehende Menschen. Es liest den Text auf dem Bildschirm mittels einer synthetischen Sprachausgabe vor und kann ihn gleichzeitig auf einer Braillezeile ausgeben. Dabei ist es enorm flexibel: Es unterstützt gängige Anwendungen wie Webbrowser (Firefox, Chrome, Edge), E-Mail-Programme, Internet-Chats und natürlich Office-Pakete.

Ein Baukasten-System für Ihre Bedürfnisse

Der vielleicht charmanteste Unterschied zu den großen, kommerziellen Platzhirschen ist die Philosophie hinter der Software. Man kann NVDA wunderbar mit einem Lego-Baukasten vergleichen. In der Grundausstattung ist es ein schlankes, rasend schnelles System, das „ab Werk“ alles mitbringt, was der durchschnittliche Anwender benötigt. Es bringt beispielsweise die Sprachausgabe eSpeak NG mit, unterstützt unter Windows 10 und 11 aber auch die natürlich klingenden Windows OneCore-Stimmen.

Aber was, wenn Sie mehr wollen? Wenn Sie spezielle Anforderungen haben? Hier kommen die sogenannten „Add-ons“ (Erweiterungen) ins Spiel. NVDA ist modular aufgebaut. Über den integrierten „Add-on Store“ (zu finden im Menü unter Werkzeuge) können Sie Funktionen nachrüsten, wie Sie es gerade brauchen. Sie möchten Text aus einem Bild erkennen (OCR)? Dafür gibt es ein Add-on. Sie möchten Ihren Bildschirm verdunkeln, um Privatsphäre zu haben? Auch das ist möglich. Sie benötigen Unterstützung für mathematische Formeln? Erweiterungen wie MathCAT machen es möglich.

Diese Modularität ist keine Schwäche, sondern die größte Stärke von NVDA. Sie laden Ihr System nicht mit Funktionen auf, die Sie nie nutzen, sondern bauen sich Ihren persönlichen, maßgeschneiderten Screenreader. Und da NVDA „Open Source“ ist, also der Quellcode für jeden einsehbar ist, kann theoretisch jeder, der programmieren kann, solche Erweiterungen schreiben und Fehler beheben.

Wer schreibt hier eigentlich?

Damit Sie wissen, wer dieses Projekt technisch leitet und warum mir dieses Thema so am Herzen liegt, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Rainer Brell. Ich bin 1968 geboren, verheiratet und wohne im schönen Veitshöchheim bei Würzburg. Wie die meisten von Ihnen bin ich selbst betroffen: Ich bin seit meinem 21. Lebensjahr vollblind.

Nach meiner Erblindung habe ich nicht aufgegeben, sondern in Heidelberg den Beruf des Programmierers erlernt. Viele von Ihnen kennen mich vielleicht noch aus einer anderen Zeit: Ich habe 17 Jahre lang bei der Firma Baum Retec gearbeitet. Dort war ich im Support, in der Entwicklung und gut 12 Jahre lang als Produktmanager für die Screenreader Virgo und Cobra tätig. Ich kenne also die Welt der kommerziellen Screenreader in- und auswendig – von den technischen Tücken bis zu den Sorgen der Anwender.

Heute arbeite ich in der Abteilung Forschung und Entwicklung beim Berufsförderungswerk (BFW) Würzburg. Dort darf ich mich nun zu 100 Prozent meiner Leidenschaft widmen: dem Projekt „NVDA Nachhaltig“. Es ist mir eine Ehre, meine Erfahrung aus fast zwei Jahrzehnten Screenreader-Entwicklung nun in ein Projekt einzubringen, das der Allgemeinheit zugutekommt.

„NVDA Nachhaltig“ – Was wir erreichen wollen

Das Projekt „NVDA Nachhaltig – Weiterentwicklung von NVDA für mehr digitale Teilhabe“ wurde vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV) initiiert und wird maßgeblich von der Aktion Mensch gefördert. Das ausführende Organ ist das BFW Würzburg. Wir haben im Oktober 2024 gestartet und haben insgesamt drei Jahre Zeit, um Großes zu bewegen.

Aber was genau sind unsere Ziele?

1. Vielfalt statt Monopol 

Wir beobachten im Hilfsmittelmarkt eine zunehmende Monopolisierung. Wenn es nur einen großen Anbieter gibt, diktiert dieser Preise und Entwicklungstempo. Das ist in keinem Markt gesund. Wir wollen niemandem etwas wegnehmen – wer mit seinem Screenreader glücklich ist und ihn finanziert bekommt, soll ihn gerne weiter nutzen. Aber wir wollen eine echte, leistungsfähige Alternative etablieren. Falls Kostenträger eines Tages Leistungen kürzen sollten oder Sie privat einen Computer nutzen wollen, ohne tausende Euro zu investieren, soll NVDA bereitstehen.

2. Wissenstransfer und Dokumentation

Ein mächtiges Werkzeug nützt nichts, wenn man nicht weiß, wie man es bedient. NVDA kommt aus dem englischsprachigen Raum (Australien). Viele hervorragende Anleitungen und Schulungsmaterialien waren bisher nur auf Englisch verfügbar. Ein Kernziel unseres Projekts ist es, diese Barriere einzureißen. Wir übersetzen hunderte Seiten an Dokumentation, Schulungsmodulen und Handbüchern ins Deutsche.

3. Aufbau einer Entwickler-Community

NVDA ist in der Programmiersprache Python geschrieben. Das ist eine der beliebtesten und am einfachsten zu lernenden Programmiersprachen der Welt. Wir wollen blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland befähigen, nicht nur Nutzer, sondern Gestalter zu sein. Wir wollen eine Gemeinschaft aufbauen, die selbst Erweiterungen (Add-ons) programmieren kann, um NVDA an spezielle Bedürfnisse im Beruf oder Alltag anzupassen.

4. Akzeptanz bei Arbeitgebern und Hilfsmittelfirmen 

Oft scheitert der Einsatz von NVDA am Arbeitsplatz an Vorurteilen der IT-Abteilungen („Open Source ist unsicher“). Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten, mit Hilfsmittelfirmen kooperieren und zeigen, dass NVDA auch in professionellen Umgebungen – etwa in Citrix-Systemen oder Behördennetzwerken – sicher und stabil läuft.

Was wir bereits erreicht haben – Eine Zwischenbilanz

Seit dem Start des Projekts waren wir nicht untätig. Ich möchte Ihnen einen Einblick geben, was wir gemeinsam mit der Community bereits auf die Beine gestellt haben.

Die große Nutzerumfrage 

Zu Beginn wollten wir nicht ins Blaue hinein arbeiten, sondern wissen, wo der Schuh drückt. Wir haben eine umfassende Umfrage mit 29 Fragen gestartet, an der sich 382 Personen beteiligt haben. Das Ergebnis war spannend: Der Markt in Deutschland ist ziemlich genau 50/50 geteilt. Etwa die Hälfte nutzt primär JAWS, die andere Hälfte bereits NVDA. Ein häufig genannter Wunsch war eine bessere Braille-Unterstützung und mehr Lernangebote. Diese Ergebnisse sind unser Kompass für die weitere Arbeit.

Ausbildung: Der Python-Kurs 

Da viele Anwender den Wunsch geäußert haben, selbst programmieren zu lernen, haben wir reagiert. Auf der E-Learning-Plattform BFW online haben wir einen barrierefreien Python-Kurs veröffentlicht. Es ist ein begleiteter Kurs, bei dem ich persönlich als Ansprechpartner zur Verfügung stehe. Hier lernen Sie das Handwerkszeug, um später eigene NVDA-Erweiterungen schreiben zu können. Das ist Hilfe zur Selbsthilfe in ihrer reinsten Form.

Übersetzungsoffensive

Wir haben begonnen, die umfangreichen englischen Schulungsmaterialien von NV Access zu übersetzen. Das sind fast 700 Seiten Material, die wir Stück für Stück ins Deutsche übertragen, damit sie hierzulande genutzt werden können. Zudem lokalisieren wir wichtige Add-ons. Oft sind tolle Erweiterungen nur auf Englisch, Spanisch oder Italienisch verfügbar. Wir sorgen dafür, dass diese Add-ons Deutsch „lernen“ und somit für alle verständlich sind.

Wissen teilen: Die „Erklärbären“ 

Ein Highlight ist unsere Rubrik „Erklärbären“. Hier schreiben Nutzer für Nutzer. Es sind kurze, verständliche Anleitungen zu spezifischen Themen: Wie nutze ich OCR? Wie richte ich ein bestimmtes Add-on ein? Wir haben bereits über 30 solcher Anleitungen veröffentlicht. Es ist großartig zu sehen, wie die Gemeinschaft ihr Wissen teilt.

Spielerisch lernen 

Mehr als 70 abwechslungsreiche Fragen bieten die Möglichkeit, das eigene Wissen in unterschiedlichen Quizformen unterhaltsam zu festigen.

Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung 

Wir haben einen NVDA-Infobrief (Newsletter) etabliert, der mittlerweile tausende Leser erreicht. Wir sind auf WhatsApp präsent und aktiv im offSight-Forum. Wir haben einen Expertenrat gegründet, in dem sich Fachleute austauschen. Und wir waren auf großen Veranstaltungen wie der SightCity oder bei Online-Stammtischen von Hilfsmittelfirmen präsent, um Vorurteile abzubauen und Fragen zu beantworten.

Ein Ausblick: So geht es weiter

Wir haben noch viel vor. In der verbleibenden Projektzeit werden wir den Fokus auch auf Multimedia legen. Ich plane den eigenen YouTube-Kanal weiter auszubauen. „Warum Videos für Blinde?“, fragen Sie sich vielleicht. Ganz einfach: Oft sind es sehende Angehörige, Kollegen oder IT-Administratoren, die uns helfen wollen, aber mit einem schwarzen Bildschirm und Sprachausgabe überfordert sind. Videos, die zeigen, wie NVDA arbeitet, bauen Berührungsängste bei Sehenden ab und helfen ihnen, uns besser zu unterstützen.

Außerdem werden wir die Mailingliste speziell für angehende Add-on-Entwickler ausbauen, um die deutschen Programmierer zu vernetzen. Und natürlich arbeiten wir an der Fertigstellung unserer Projektwebseite nvda-nachhaltig.de, auf der all dieses Wissen zentral gesammelt und dauerhaft verfügbar bleiben soll.

Machen Sie mit!

NVDA lebt vom Mitmachen. Es ist ein Projekt von uns für uns. Sie müssen kein Programmierer sein, um zu helfen. Testen Sie NVDA, wenn Sie es noch nicht getan haben. Abonnieren Sie unseren Newsletter. Schreiben Sie vielleicht selbst einen kleinen „Erklärbär“-Text, wenn Sie einen tollen Trick herausgefunden haben. Oder sprechen Sie in Ihrem Verein oder Ihrer Firma über diese Alternative.

Monopolisierung tut keinem Bereich gut. Vielfalt tut uns allen gut. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass wir auch in Zukunft die Wahl haben, mit welchem Werkzeug wir die digitale Welt erobern.

Ich freue mich darauf, diesen Weg gemeinsam mit Ihnen weiterzugehen.

Herzlichst, 
Ihr Rainer Brell

 

Weitere Infos:

Projektseite: https://NVDA-nachhaltig.de (in Aufbau)

NVDA-Infobrief Anmeldung: https://lists.bfw-wuerzburg.de/subscription/form

NVDA-Infobrief Archiv: https://lists.bfw-wuerzburg.de/archive

WhatsApp-Kanal: https://whatsapp.com/channel/0029VasKLJ205MUhAnJpXs3P

WhatsApp-Gruppe NVDA-user: https://chat.whatsapp.com/Kcr7A7afRULLsG9EZoXVmx?mode=r_t

WhatsApp-Gruppe NVDA-german: https://chat.whatsapp.com/BEAkaVRvQ357DuuEesCqub?mode=r_t

offSight-Forum: https://www.offsight.de/viewtopic.php?f=13&p=1233&sid=7f743a2e985e31fccb4958971317ff3b#p1233

Deutsche Mailingliste: https://www.ml4free.de/mailman/listinfo/nvda-german

Podcast: https://nvda-nachhaltig.podigee.io/

YouTube-Kanal: https://www.youtube.com/@nvda-nachhaltig

 

Kurse von BFW Online: https://www.bfwonline.de/

Python-Kurs: https://www.bfwonline.de/indexmobile/showCourse/CourseId/20257

E-Mail: nvda@bfw-wuerzburg.de